Bild ohne Titel

Johannes Gutenberg-Universität Mainz


Weiterführende Links Ältere Literaturgeschichte

Ältere Deutsche Literaturgeschichte



Der Fachdisziplin ältere deutsche Literatur kommt sowohl im Hinblick auf die literaturwissenschaftliche Forschung als auch die Ausbildung ein hoher Stellenwert zu im Zusammenhang mit der Absicherung der historischen Tiefendimension des Faches und seiner Gegenstände. Wesentliche kulturelle Phänomene der Neuzeit im allgemeinen und literarische im besonderen sind nur in der Dialektik von Kontinuität und Diskontinuität zu mittelalterlichen Konzepten angemessen zu verstehen. Auf der einen Seite lassen sich für die Herausbildung der Neuzeit charakteristische Ansätze von Säkularisierung und Subjektivierung bis ins 12. Jahrhundert zurückverfolgen. Auf der anderen Seite reichen spezifische Einstellungen mittelalterlicher religiöser Anthropologie und Weltsicht generell weit über die zumeist als Epochenschwelle angesehene Mitte des zweiten Jahrtausends hinaus, auf breiter Linie bis etwa zur Mitte des 18. Jahrhunderts. Aber auch bedeutende Erscheinungen der späteren Kultur- und Literaturgeschichte orientieren sich auf das Mittelalter zurück, besonders intensiv die Romantik. Selbst in der Literatur und Kultur der Gegenwart ist ein bemerkenswertes Interesse an mittelalterlichen Stoffen, Themen und Sinnentwürfen zu konstatieren. Die Epoche Mittelalter ist insofern nicht bloße Vergangenheit, sondern integraler Teil eines kulturellen Diskurses, der der Selbstvergewisserung in der je eigenen Gegenwart dient. Gerade die von der jüngeren mediävistischen Forschung ins Zentrum der Reflexion gerückte mentalitätsgeschichtliche Alterität des Mittelalters ist geeignet, die Dimensionen der eigenen epochalen Situierung fundierter zu begreifen, als es aus der bloßen Aktualität heraus möglich ist. Die der je gegenwärtigen Welterfahrung inhärente Relativität kann nur bestimmt werden durch Spiegelung an einer anders beschaffenen Relativität. In dieser Hinsicht bietet gerade das Mittelalter in seiner mit einem Defizit an induktiv-konkreter Ausrichtung auf die Wirklichkeit einhergehenden und deshalb durchaus hinterfragungsbedürftigen Tendenz zur universalen Weltdeutung die erwünschte hermeneutische Alternative zur Neuzeit, die ihre immensen Fortschritte in den empirisch-partikulären Wissensbereichen mit einem Verlust an Sinnganzheit erkauft hat.

Die germanistische Mediävistik hat es im Rahmen dieser Konstellation mit verschiedenen, zum Teil überaus diffizilen epochalen Schwellenphänomenen zu tun: zunächst mit der den Übergang von der Oralität zur Skripturalität markierenden Formierung einer literarischen Kultur in deutscher Sprache in der zweiten Hälfte des 8. und vor allem im 9. Jahrhundert in der Auseinandersetzung mit der epochal bestimmenden Latinität, sodann mit dem Prozess der Herausbildung säkular-laikal orientierter Dichtung im 12. Jahrhundert, der in der „höfischen Klassik“ kulminiert, schließlich mit dem weiten, keineswegs linear verlaufenden Weg in die Neuzeit. Nach ihrem in den letzten Jahrzehnten zunehmend deutlich konturierten und durch eine expandierende Erschließung der Überlieferung konkretisierten umfassenden Literaturverständnis hat es die germanistische Mediävistik dabei mit Texten unterschiedlichster Gattungen bzw. Sorten zu tun, von der Gebrauchsliteratur bis hin zu zu poetisch-fiktionalen Werken, deren prominenteste den Rang der Weltliteratur beanspruchen können (insbesondere die Dichtungen Hartmanns von Aue, Wolframs von Eschenbach, Gottfrieds von Straßburg, Walthers von der Vogelweide, daneben ein weites Spektrum von weniger bekannten, aber kaum weniger bedeutenden Oeuvres).

Diesem weit ausgreifenden Aufgabenfeld kann die Fachdisziplin naturgemäß nur mit eigenständigen, auf den jeweiligen Fall hin spezifizierten Fragestellungen und demgemäß auch mit unterschiedlichen, mit diversen Nachbarwissenschaften kommunizierenden Methoden gerecht werden. Sie steht daher – auch in Mainz, u.a. durch Beteiligung an einem Graduiertenkolleg und an verschiedenen fachübergreifenden Arbeitskreisen - im trans- und interdisziplinären Kontakt vornehmlich mit den Disziplinen Theologie, Philosophie, Altphilologie, mittellateinische Philologie, Romanistik, Geschichtswissenschaft, Gesellschaftswissenschaft, Buchwissenschaft, Kunstgeschichte und Rechtsgeschichte. Solche vielfältigen, künftig noch intensiver auszubauenden Berührungen und Überschneidungen sind im Geben und Nehmen für alle beteiligten Disziplinen förderlich; die Erkenntnismöglichkeiten bezüglich der Epoche Mittelalter sind dadurch gerade in den letzten Jahrzehnten expandiert, und sie werden auf diesem Weg weiter expandieren. Überdies hält die Fachdisziplin der älteren deutschen Literatur methodischen und sachlichen Kontakt mit aktuellen Forschungstendenzen der neueren Literaturwissenschaft. Sie greift des weiteren, soweit übertragbar, auf Erkenntnisse der systematischen Linguistik zurück und steht in einem engen Wechselverhältnis zur historischen Sprachwissenschaft, insbesondere auf dem Gebiet der Semantik. Dabei stellt sie dieser Disziplin nach Maßgabe der Ziele der neueren Editionsphilologie mit authentisch an den Gegebenheiten der Überlieferung orientierten Textausgaben zuverlässiges Material bereit. In diesem vielseitigen Bezug integriert die germanistische Mediävistik von jeher und gerade in den letzten Jahrzehnten aufgrund eines verfeinerten methodischen Instrumentariums besonders wirksam eher formal ausgerichtete textwissenschaftliche und eher inhaltlich interessierte kulturwissenschaftliche Ansätze, also eben die Paradigmen, welche gegenwärtig und auf absehbare Zukunft die literaturwissenschaftliche Forschung generell bestimmen.
Die bisherige Ausrichtung des Fachgebiets an der Johannes Gutenberg-Universität trägt in Forschung und Lehre den aus dieser Situierung sich ergebenden Erfordernissen und Möglichkeiten Rechnung. Dabei haben die Fachvertreter und die Mitarbeiterinnen bei aller unerläßlichen Spezialisierung in der Forschung ein breites Spektrum an Interessen ausgebildet, vornehmlich in den folgenden Bereichen: Motiv- und Bedeutungsforschung, poetologische und mentalitätsgeschichtliche Konstituenten der höfischen Epik sowie der Lyrik von der klassischen Epoche bis zum späten Mittelalter, Verhältnis von Text und Bild; außerdem ist eine umfangreiche Edition eines spätmittelalterlichen Werks entstanden. Die Lehre orientiert sich primär an den durch die Studienordnung das Faches sowie die Prüfungsordnungen für das Magister- und das Staatsexamen sowie für die Promotion definierten Anforderungen. Das Fachgebiet der germanistischen Mediävistik steht dabei in ausgewogener Relation zu den anderen Fachgebieten. Nach dem für alle Studierenden obligatorischen Grundstudium, in das auch eine mediävistische Komponente integriert ist, sind den Studierenden im Hauptstudium Optionen eingeräumt, die je nach Studiengang von der Bevorzugung der germanistischen Mediävistik bis hin zu deren Abwahl reichen. Aufs ganze gesehen kann nach Ausweis der aufgrund dieser Wahlmöglichkeiten betreuten zahlreichen Examensarbeiten, Klausuren und mündlichen Prüfungen behauptet werden, dass das Fachgebiet im Rahmen der Ausbildung am Deutschen Institut ein hohes Maß an Akzeptanz bei den Studierenden findet.

 
Johannes Gutenberg-Universität Mainz, 18.08.2009
      ImpressumImpressum   Zum SeitenanfangZum Seitenanfang
Zum Inhalt der Seite springen Zur Navigation der Seite springen