Die germanistische Mediävistik hat es im Rahmen dieser Konstellation mit verschiedenen, zum Teil überaus diffizilen epochalen Schwellenphänomenen zu tun: zunächst mit der den Übergang von der Oralität zur Skripturalität markierenden Formierung einer literarischen Kultur in deutscher Sprache in der zweiten Hälfte des 8. und vor allem im 9. Jahrhundert in der Auseinandersetzung mit der epochal bestimmenden Latinität, sodann mit dem Prozess der Herausbildung säkular-laikal orientierter Dichtung im 12. Jahrhundert, der in der „höfischen Klassik“ kulminiert, schließlich mit dem weiten, keineswegs linear verlaufenden Weg in die Neuzeit. Nach ihrem in den letzten Jahrzehnten zunehmend deutlich konturierten und durch eine expandierende Erschließung der Überlieferung konkretisierten umfassenden Literaturverständnis hat es die germanistische Mediävistik dabei mit Texten unterschiedlichster Gattungen bzw. Sorten zu tun, von der Gebrauchsliteratur bis hin zu zu poetisch-fiktionalen Werken, deren prominenteste den Rang der Weltliteratur beanspruchen können (insbesondere die Dichtungen Hartmanns von Aue, Wolframs von Eschenbach, Gottfrieds von Straßburg, Walthers von der Vogelweide, daneben ein weites Spektrum von weniger bekannten, aber kaum weniger bedeutenden Oeuvres).
Diesem weit ausgreifenden Aufgabenfeld kann die Fachdisziplin naturgemäß nur mit eigenständigen, auf den jeweiligen Fall hin spezifizierten Fragestellungen und demgemäß auch mit unterschiedlichen, mit diversen Nachbarwissenschaften kommunizierenden Methoden gerecht werden. Sie steht daher – auch in Mainz, u.a. durch Beteiligung an einem Graduiertenkolleg und an verschiedenen fachübergreifenden Arbeitskreisen - im trans- und interdisziplinären Kontakt vornehmlich mit den Disziplinen Theologie, Philosophie, Altphilologie, mittellateinische Philologie, Romanistik, Geschichtswissenschaft, Gesellschaftswissenschaft, Buchwissenschaft, Kunstgeschichte und Rechtsgeschichte. Solche vielfältigen, künftig noch intensiver auszubauenden Berührungen und Überschneidungen sind im Geben und Nehmen für alle beteiligten Disziplinen förderlich; die Erkenntnismöglichkeiten bezüglich der Epoche Mittelalter sind dadurch gerade in den letzten Jahrzehnten expandiert, und sie werden auf diesem Weg weiter expandieren. Überdies hält die Fachdisziplin der älteren deutschen Literatur methodischen und sachlichen Kontakt mit aktuellen Forschungstendenzen der neueren Literaturwissenschaft. Sie greift des weiteren, soweit übertragbar, auf Erkenntnisse der systematischen Linguistik zurück und steht in einem engen Wechselverhältnis zur historischen Sprachwissenschaft, insbesondere auf dem Gebiet der Semantik. Dabei stellt sie dieser Disziplin nach Maßgabe der Ziele der neueren Editionsphilologie mit authentisch an den Gegebenheiten der Überlieferung orientierten Textausgaben zuverlässiges Material bereit. In diesem vielseitigen Bezug integriert die germanistische Mediävistik von jeher und gerade in den letzten Jahrzehnten aufgrund eines verfeinerten methodischen Instrumentariums besonders wirksam eher formal ausgerichtete textwissenschaftliche und eher inhaltlich interessierte kulturwissenschaftliche Ansätze, also eben die Paradigmen, welche gegenwärtig und auf absehbare Zukunft die literaturwissenschaftliche Forschung generell bestimmen.
Die bisherige Ausrichtung des Fachgebiets an der Johannes Gutenberg-Universität trägt in Forschung und Lehre den aus dieser Situierung sich ergebenden Erfordernissen und Möglichkeiten Rechnung. Dabei haben die Fachvertreter und die Mitarbeiterinnen bei aller unerläßlichen Spezialisierung in der Forschung ein breites Spektrum an Interessen ausgebildet, vornehmlich in den folgenden Bereichen: Motiv- und Bedeutungsforschung, poetologische und mentalitätsgeschichtliche Konstituenten der höfischen Epik sowie der Lyrik von der klassischen Epoche bis zum späten Mittelalter, Verhältnis von Text und Bild; außerdem ist eine umfangreiche Edition eines spätmittelalterlichen Werks entstanden. Die Lehre orientiert sich primär an den durch die Studienordnung das Faches sowie die Prüfungsordnungen für das Magister- und das Staatsexamen sowie für die Promotion definierten Anforderungen. Das Fachgebiet der germanistischen Mediävistik steht dabei in ausgewogener Relation zu den anderen Fachgebieten. Nach dem für alle Studierenden obligatorischen Grundstudium, in das auch eine mediävistische Komponente integriert ist, sind den Studierenden im Hauptstudium Optionen eingeräumt, die je nach Studiengang von der Bevorzugung der germanistischen Mediävistik bis hin zu deren Abwahl reichen. Aufs ganze gesehen kann nach Ausweis der aufgrund dieser Wahlmöglichkeiten betreuten zahlreichen Examensarbeiten, Klausuren und mündlichen Prüfungen behauptet werden, dass das Fachgebiet im Rahmen der Ausbildung am Deutschen Institut ein hohes Maß an Akzeptanz bei den Studierenden findet.