Die Historische Sprachwissenschaft befaßt sich mit der Entwicklung der deutschen Sprache von ihren ersten Belegen
(dem Althochdeutschen um 800) bis heute, d.h. bis zur Gegenwartssprache des 21. Jhds. Auf Basis von Rekonstruktionen wird der Blick auch bis ins Germanische und Indogermanische gerichtet. Als wichtigste Sprachstufen des Deutschen unterscheidet man das Althochdeutsche (750-1050), das sich aus heutiger Perspektive ohne gründliche Kenntnisse dem Verständnis entzieht, das Mittelhochdeutsche (1050-1350), das Frühneuhochdeutsche (1350-1650) und schießlich das Neuhochdeutsche, das selbstverständlich weiterhin Sprachwandel vollzieht. Hier wäre beispielhaft zu nennen: Präteritumschwund zugunsten des Perfekts (sie sprang > sie ist gesprungen), Konjunktiv II-Schwund zugunsten der würde -Umschreibung (sie spränge > sie würde springen), weiterhin Abbau unbetonter Endungen (im Walde > im Wald, ich mache > ich mach'), gleichzeitig Aufbau neuer Endungen an Präpositionen (zu dem > zum, in das > ins) etc. Neben der Dokumentation der einzelnen Sprachwandelphänomene vom Germanischen bis heute wird auch immer nach den Gründen für diese ständigen Veränderungen gefragt. Daß Sprachwandel nie zum Stillstand gelangt, ist u.a. darauf zurückzuführen, daß Optimalisierungen auf einer Ebene oft zu Verschlechterungen auf einer anderen Ebene führen. Sprachwandel ist damit als permanenter Balanceakt zwischen verschiedenen Optimalisierungsdomänen und -parametern zu begreifen. Dies macht es auch bis heute unmöglich, Sprachwandel vorherzusagen. Die Vielfalt und Komplexität von Sprachwandel führte (und führt auch gegenwärtig) zur Bildung und Diskussion verschiedener Theorien. Eine wichtige Rolle beim Verständnis von Sprachwandel spielt die kontrastive Linguistik, d.h. der vergleichende Blick auf andere (germanische) Sprachen (wie das Luxemburgische, Niederländische, Englische, das Schwedische, Isländische usw.), ebenso auf Dialekte des Deutschen. Diese Perspektive zeigt, daß Sprachwandel trotz gemeinsamer Ausgangsbasis ganz unterschiedlich verlaufen kann und daß dies nicht nur auf unterschiedliche aussersprachliche Einflüsse zurückzuführen ist. Was das Deutsche durchlaufen hat und durchläuft,stellt nur eine Option unter vielen dar. Ein echtes, umfassendes Verständnis der deutschen Sprachgeschichte ist damit nur unter der Berücksichtigung der Geschichte und Struktur anderer Sprachen und Dialekte möglich. Daher sei den Studierenden empfohlen, auch vom Sprachlehrangebot (z.B. der skandinavischen Sprachen) Gebrauch zu machen.