

Projektbeschreibung
Die Familiennamen sind der einzige Bereich der europäischen Sprachen, der in seiner ausgeprägten
räumlichen Vielfalt noch höchst unzureichend erfasst ist.
Noch sind die geschichtlich gewachsenen Namenlandschaften in erstaunlicher Stabilität erhalten.
Sie sollen im Bereich der Bundesrepublik Deutschland auf der Basis von Telefonanschlüssen anhand systematisch ermittelter
und durch repräsentative Beispiele abgedeckter Themenkomplexe analysiert und die Ergebnisse in einem vierbändigen Atlas
mit ca. 970 kommentierten Karten dargestellt werden.
Philologischen Interessen wird durch einen grammatischen Teil (Bde. 1 und 2: Graphematik, Phonematik, Syntagmatik der Namen)
Rechnung getragen, kulturhistorischen durch einen lexikalischen Teil (Bde. 3 und 4), der jeweils den spezifischen Aussagewert der
fünf unterschiedlich motivierten Familiennamenklassen (aus Rufnamen, nach Herkunft, Wohnstätte, Beruf, körperlichen oder
charakterlichen Merkmalen) berücksichtigt.
Dadurch wird die Namenforschung erstmals auf ein tragfähiges Fundament rezenter Daten gestellt, das die Überprüfung alter
und besonders die Entwicklung neuer Fragestellungen ermöglicht; ferner wird – da Namen sich gegenüber anderen Sprachbereichen
retardiert entwickeln – eine erstrangige Quelle für die Sprachgeschichte,
des Weiteren ein hilfswissenschaftliches Instrument für Fächer von der Kirchen- und Sozialgeschichte
über die Siedlungs- und Migrationsforschung bis zur Genetik bereitgestellt.
Laufzeit:
Bewilligungszeitraum: 01.02.2005 – 31.01.2007 (+ 1 Jahr).
Gesamtdauer: sieben Jahre. Planung: Jahr 1-3: Abschluss der Teilbände 1 und 2 (Grammatik), Jahr 4-7: Abschluss der Teilbände 3 und 4 (Lexik).
Projektgliederung
Familiennamen sind als sprachliche Zeichen Gegenstand der Sprachwissenschaft.
Andererseits unterliegen Namen innerhalb der sprachlichen Zeichen spezifischen Sonderbedingungen:
Zum einen sind sie aufgrund ihrer Funktion, auf Individuen zu referieren, in ihrer Existenz an letztere gebunden.
Zum andern wurden aufgrund bei der Bildung/Entstehung von Familiennamen
Sachverhalte/Objekte sprachlich fixiert und bis heute tradiert, die im appellativischen Wortschatz aufgegeben wurden.
Diese doppelte Fixierung in außersprachlichen Herkunfts- und Verwendungszusammenhängen
qualifiziert Namen zu einer
erstrangigen Quelle für Untersuchungen vieler nichtlinguistischer Disziplinen.
Diese Sachlage erfordert eine Aufteilung des Familiennamenatlasses in zwei Teile,
von denen der eine nur ausdrucksseitige Phänomene behandelt und rein linguistische Zielsetzungen verfolgt
(grammatischer Teil: I), der andere vorwiegend Aspekte der inhaltlichen Motivation und der Fixierung der Namen
an Personen aufgreift und auch den hier ansetzenden interdisziplinären Interessen
gerecht zu werden versucht
(lexikalischer Teil: II).
Ein Schlusskapitel „Zur geographischen Typologie der Familiennamen“
soll erste übergreifende Perspektiven einer Synthese über die beiden materialanalytisch angelegten Teile hinaus entwickeln.
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Grammatischer Teil (I, Bde. 1 und 2)
Teil I soll eine Grammatik der Familiennamen liefern.
Dieser Teil konzentriert sich auf phonematische und morphematische Kapitel und greift in diesem Rahmen
sprachgeschichtlich überregional relevante Phänomene auf,
deren Ergebnisse sich in der Diversifikation der heutigen
Namenwelt mengenmäßig markant abzeichnen.
Der sprachliche Sonderstatus der (Familien-)Namen schlägt sich vor allem darin nieder,
dass sie sich – diachron – oft langsamer als die und abweichend von der Appellativik entwickeln,
dass sie – diatopisch – durch ihre Motivationsbereiche oder den Horizont ihrer Benutzer oft regional eingeschränkt sind und dass sie
– diastratisch – durchweg der Schicht der Mundart entstammen.
Die damit verbundenen Diskrepanzen zwischen Namenschatz und appellativischem Wortschatz bieten interessante Chancen
für die Erforschung der Sprachgeschichte.
Sie wurden schon immer als Erkenntnisquelle genutzt, was aber bisher nur selektiv möglich war.
Jetzt kann und soll dies flächendeckend und systematisch geschehen. Im Unterschied zum Bereich Graphematik/Phonematik
ist das onymische Material bei der Morphematik/Wortbildung
nur zu geringen Teilen mit dem appellativischen kompatibel.
Hier werden diejenigen formalen Mittel systematisch in ihrer Verbreitung behandelt, die aus einer appellativischen
oder onymischen Basis einen Familiennamen entstehen lassen.
Als Phänomen mit besonderer Frequenz sind z. B. die Diminutivsuffixe aufzugreifen.
In Familiennamen sind oft Wortbildungsmuster erhalten geblieben,
welche in der Appellativik ausgestorben sind (Fecht(e) neben Fechter, altes -werker neben neuem -macher).
Auch lassen sich Nomina-agentis-Bildungen auf -hauer, -hacker, -schläger, -schneider etc. zusammenfassend überblicken.
Schließlich sind hier die sog. Satznamen zu behandeln (Schlagdenhaufen, Springinsfeld, Hassdenteufel).
Vorläufige Grobgliederung des grammatischen Teils (I, Bde. 1 und 2)
1 Graphematik und Phonematik
1.1 Vokalqualität im Hauptton
1.2 Vokalquantität im Hauptton
1.3 Vokale im Nebenton
1.4 Konsonantismus
2 Morphematik und Wortbildung
2.1 Artikel
2.2 Präpositionen
2.3 Suffixe
2.4 Flexion
2.5 Komposition
2.6 Syntagmen ("Satznamen")
3 Sprachliche Transposition ("Humanistennamen")
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Im lexikalischen Teil (II, Bde. 3 und 4) wird das Material nach der Entstehungs-Motivation der Namen angeordnet.
Die Gesamtanlage des Teils erfolgt
nach den fünf Grundmotiven der Benennung.
Grobgliederung des lexikalischen Teils (II, Bde. 3 und 4)
1 Familiennamen aus Rufnamen ("X ist mit Person Y verwandt"), z.B. Peters;
2 Familiennamen nach der Herkunft ("X kam aus Y in die Wohngemeinde"), z.B. Hess;
3 Familiennamen nach der Wohnstätte ("X wohnt in der Wohngemeinde am Ort Y"), z.B. Steger;
4 Familiennamen nach dem Beruf ("X hat in der Wohngemeinde die Funktion Y"), z.B. Schmidt;
5 Familiennamen aus Übernamen ("X hat ein differenzierendes körperliches oder charakter-liches Merkmal Y"), z.B. Lange.
Schlusskapitel "Zur geographischen Typologie der Familiennamen"
Das Schlusskapitel soll die material-analytisch angelegten Teile I und II übergreifen und mit einigen Karten
exemplarisch erste Perspektiven
einer Synthese entwickeln,
welche den gesamten Familiennamenschatz hinsichtlich seiner räumlichen Dimension in seinen
fundamentalen Konturen zu erfassen versucht.
Geplant sind Karten zu Themen wie:
• Raumbildung in der Motivation der Familiennamen • Verhältnis der fünf Namenklassen in ländlichen/städtischen Regionen
• Areale Dichte von Namenkomposita • Areale Dichte hochfrequenter Namen
• Arealer Namenreichtum• Areale Dichte von Sippennestern
• Areale Anteile von Namen mit fremden Buchstaben-/Lautkombinationen u. ä. m.
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