Lehre am Deutschen Institut

HNDL/SFNL I-V: Was wissen allwissende Erzähler?

Dozent:innen: Dr. Johannes Ullmaier
Kurzname: HNDL
Kurs-Nr.: 05.067.1130
Kurstyp: Hauptseminar

Empfohlene Literatur

Quellen:
 
[anon.]: Fortunatus, Studienausgabe nach der Nach der Editio Princeps von 1509. Stuttgart: Reclam 1981. 
 
Döblin, Alfred: Berlin Alexanderplatz: die Geschichte vom Franz Biberkopf (1929). München: Deutscher Taschenbuch Verlag 502012. 
 
Paul, Jean: Sämtliche Werke. Hg. v. Norbert Miller. Band 2: Siebenkäs / Flegeljahre. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2000. 
 
Forschung:
 
Genette, Gérard: Die Erzählung. Hg. v. Andreas Knop. 2. Aufl. München: Fink 1998.
 
Haferland, Harald: „Wissen und Allwissenheit im Erzählen: Eine systematische und historische Problemskizze“, in: DVjS 96 (2022), S. 445-472.
 
Lahn, Silke / Meister, Jan Christoph: Einführung in die Erzähltextanalyse. 3. akt. u. erw. Aufl. Stuttgart: Metzler 2016.
 
Martínez, Matías: Handbuch Erzählliteratur: Theorie, Analyse, Geschichte. Stuttgart/Weimar: Metzler 2011.
 
Martínez, Matías / Scheffel, Michael: Einführung in die Erzähltheorie. 10., überarb. und aktual. Aufl. München: C.H. Beck 2016.
 
Petersen, Jürgen H: Erzählsysteme: Eine Poetik epischer Texte. Stuttgart u.a.: Metzler 1993.

Spielhagen, Friedrich: Beiträge zur Theorie und Technik des Romans. Hg. v. Hellmuth Himmel. Faks.-Dr. nach der 1. Aufl. von 1883. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1967.
 
Städtke, Klaus / Kray, Ralph / Berensmeyer, Ingo (Hg.): Spielräume des auktorialen Diskurses. Berlin: Akademie-Verlag 2003.
 
Stanzel, Franz K: Die typischen Erzählsituationen Im Roman: Dargestellt an Tom Jones, Moby Dick, The Ambassadors, Ulysses U.a. Unveränd. Nachdr. Wien u.a.: Braumüller 1969.

Inhalt

Wüssten ‚Allwissende Erzähler‘ wirklich alles, bräuchte man weder Götter noch KI – sondern könnte sie direkt fragen, was sie sind und wissen. Aber der Begriff erklärt sich nicht von selbst. Seit Friedrich Spielhagen ihn 1883 aufbrachte, wurde er in der Erzähltheorie nie offiziell inthronisiert, sondern in Konzepten wie ‚Auktoriales Erzählen‘ (Stanzel), ‚Nullfokalisation‘ (Genette) oder ‚olympische Position‘ (Petersen) zu domestizieren versucht. Untergründig geistert er jedoch beharrlich weiter durch die Schul- und Schreibpraxis und wirft bis heute grundsätzliche Fragen auf, die sich in den späteren Bezeichnungen eher tarnen als durch sie erübrigen: Was heißt hier ‚alles‘? Was heißt ‚wissen‘? Und wer ist dieser ‚Erzähler‘?
Auch einige Koinzidenzen der historischen Genese geben weiterhin zu denken: Wieso wird der ‚Allwissende Erzähler‘ (der ohne Namen schon seit Ewigkeiten rhapsodiert) genau zu der Zeit so getauft, als sich das herauskristallisiert, was in der späteren Narratologie sein Gegenpol wird, nämlich Erzählweisen aus konsequent figurenbeschränkter Perspektive wie Erlebte Rede, Innerer Monolog und Stream of Consciousness? Und warum kommt er ausgerechnet dann zur Welt, als Nietzsche den traditionell allwissenden und allmächtigen Gott gerade prominent für tot erklärt hat? Was unterscheidet und verbindet beide? Wer tötet und beerbt hier wen?
Schließlich wäre zu fragen, wie es dem ‚Allwissenden Erzähler‘, seit er aus der anonymen Deckung kam, erging und aktuell ergeht: Wo und wie wurde er kritisiert (‚Hochstapler!‘, ‚Besserwisser!‘, ‚Plaudertasche!‘, ‚Patriarch!‘, ‚Bevormunder!‘) und theoretisiert? Und wo und wie wurde er modernisiert, maskiert, intermedial umfrisert oder einfach fortgeschrieben?
Anhand einschlägiger Definitionen und elementarer Beispiele ist im Seminar zunächst das Problemfeld des ‚allwissenden Erzählens‘ abzustecken, um dann an ausgewählten Phänotypen (darunter: Fortunatus, 1509; Jean Paul, Siebenkäs, 1796/97; und Alfred Döblin: Berlin Alexanderplatz, 1929) näher untersucht zu werden.
Aufschlussreich kann hier vor allem sein, in actu zu beobachten, wie das ‚Alles‘, das eine Erzählinstanz von der Welt, die sie für uns aufrollt, für sich behalten oder uns verraten kann, erst im Zuge der Erzählung selbst entsteht und wächst, nämlich in distinkter Wechselwirkung zu realen, ideal(isiert)en und/oder realhistorischen Weltwissenssubstraten, die sie schematisch adressiert, perzeptorisch aktualisiert und dabei als Latenzspeicher des Mehrzuwissenden entwirft. Auch bei der Beschäftigung mit dem ‚Alleswissenden Erzähler‘ mag es daher passieren, dass man ihm desto ferner rückt, je intensiver man ihn (unter)sucht, dafür aber umso mehr begreift, wie er funktioniert, was er alles kann und darf und wo selbst er an Grenzen stößt.

Zusätzliche Informationen

Hinweis zum Seminarablauf:

Nach einführenden Informationen und einer thematischen Hinführung werden Expertisengruppen gebildet, die sich jeweils in ein Teilsegment des Seminarkontextes einarbeiten und es in mehreren Arbeitsphasen mit dem Ziel erschließen, die Ergebnisse für den Gesamtzusammenhang der gemeinsamen Themenerkundung und damit insbesondere auch für alle jeweils anderen Expertisengruppen so aussagekräftig werden zu lassen, dass sie wechselseitig produktiv zu adaptieren sind. In der Mitarbeit an einer dieser Expertisengruppen besteht die Aktive Teilnahme.
So entsteht im besten Fall zugleich eine valide Basis für die individuelle Modulprüfungsleistung. Diese hat die Form einer schriftlichen Seminararbeit, die einer weiterführenden Fragestellung nachgeht. Sie kann direkt aus der eigenen Expertisengruppenarbeit hervorgehen und an deren Resultate anknüpfen, muss das jedoch nicht – solange ihr Thema sich im Seminarkosmos bewegt.

Termine

Datum (Wochentag) Zeit Ort
21.10.2026 (Mittwoch) 10:15 - 11:45 01 471 ÜR Deutsches Institut
1141 - Philosophisches Seminargebäude
28.10.2026 (Mittwoch) 10:15 - 11:45 01 471 ÜR Deutsches Institut
1141 - Philosophisches Seminargebäude
04.11.2026 (Mittwoch) 10:15 - 11:45 01 471 ÜR Deutsches Institut
1141 - Philosophisches Seminargebäude
11.11.2026 (Mittwoch) 10:15 - 11:45 01 471 ÜR Deutsches Institut
1141 - Philosophisches Seminargebäude
18.11.2026 (Mittwoch) 10:15 - 11:45 01 471 ÜR Deutsches Institut
1141 - Philosophisches Seminargebäude
25.11.2026 (Mittwoch) 10:15 - 11:45 01 471 ÜR Deutsches Institut
1141 - Philosophisches Seminargebäude
02.12.2026 (Mittwoch) 10:15 - 11:45 01 471 ÜR Deutsches Institut
1141 - Philosophisches Seminargebäude
09.12.2026 (Mittwoch) 10:15 - 11:45 01 471 ÜR Deutsches Institut
1141 - Philosophisches Seminargebäude
16.12.2026 (Mittwoch) 10:15 - 11:45 01 471 ÜR Deutsches Institut
1141 - Philosophisches Seminargebäude
06.01.2027 (Mittwoch) 10:15 - 11:45 01 471 ÜR Deutsches Institut
1141 - Philosophisches Seminargebäude
13.01.2027 (Mittwoch) 10:15 - 11:45 01 471 ÜR Deutsches Institut
1141 - Philosophisches Seminargebäude
20.01.2027 (Mittwoch) 10:15 - 11:45 01 471 ÜR Deutsches Institut
1141 - Philosophisches Seminargebäude
27.01.2027 (Mittwoch) 10:15 - 11:45 01 471 ÜR Deutsches Institut
1141 - Philosophisches Seminargebäude
03.02.2027 (Mittwoch) 10:15 - 11:45 01 471 ÜR Deutsches Institut
1141 - Philosophisches Seminargebäude
10.02.2027 (Mittwoch) 10:15 - 11:45 01 471 ÜR Deutsches Institut
1141 - Philosophisches Seminargebäude